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Fibromyalgie oder Borreliose – oder beides ?
Versuch einer kurzen Standortbestimmung


Das Fibromyalgie-Syndrom ist, wie die Bezeichnung bereits zum Ausdruck bringt, ein „Symptomenkomplex“ mit sehr unterschiedlichen psychischen und körperlichen Auswirkungen. Die seit 1990 von der ACR (American College of Rheumatology) definierten Funktionsstörungen sind mit kleinen Korrekturen auch heute noch gültig und Bestandteil der diagnostischen Bewertung. Vielfache, z.T. kontrovers geführte Diskussionen unter psychiatrischen und rheumatologischen Kennern der Fibromyalgie führten übereinstimmend insofern zu einem Konsens, als alle Experten sich einig sind, dass eine chronische Stressursache in Verbindung mit einer vermehrten Stressvulnerabilität (Empfindlichkeit) vorliegen muss, um das Krankheitsgeschehen in Gang zu setzen (Hausotter, Laser). Sehr komplexe und erst in den letzten Jahren durch neueste Forschungsergebnisse belegte Untersuchungen (Neeck, Pongratz, Mense) haben gezeigt, dass das Fibromyalgiesyndrom als „Stress-Folge-Krankheit“ verstanden werden kann. Es kann als gesichert angesehen werden, dass die Betroffenen sowohl psychische (z.B. reaktiv depressive Zustände) als auch somatische Folgen (Veränderungen im Muskuloskelettalsystem) davontragen. Ob und inwieweit besondere praedisponierende Faktoren (etwa besondere Persönlichkeitsmerkmale) zur Entstehung der Fibromyalgie beitragen, ist wahrscheinlich, allerdings fehlen hierzu noch verbindliche wissenschaftlich belegte Untersuchungen.

Die Borreliose ist eine durch Zeckenstich entstandene Spirochäteninfektion, die jeden Menschen jeden Alters befallen kann. Praedisponierende Faktoren spielen hierbei keine Rolle. Durch rechtzeitig erkannte und vor allem rechtzeitig eingesetzte Therapie mit Antibiotika kann in aller Regel die Infektion ausgeheilt werden. Leider wird durch Übersehen der Infektion mit ihren anfänglich für viele Betroffene unklaren Beschwerden kostbare Zeit verloren, wodurch sich die Infektion im gesamten Organismus ausbreiten kann (Multi-Organerkrankung). Später eingesetzte Anti-biotika-Behandlungen werden dann oft nicht konsequent durchgeführt. Die Folgen sind dann chronische Verläufe mit bunten Beschwerdebildern, die einer Fibromyalgie oft sehr ähnlich sind.

Die durch den Multiorganbefall herbeigeführten Krankheitszeichen sind verständlicherweise für den Betroffenen enorme Stressoren, die ihrerseits in etlichen Fällen als Auslösemechanismus für eine Fibromyalgie fungieren. Dies erklärt, warum eine Borreliose als Primärerkrankung eine sekundäre Fibromyalgie hervorrufen kann. Auch eine durch konsequent durchgeführte Antibiose ausgeheilte Borreliose kann eine Fibromyalgie triggern (auslösen).

Die Differenzierung zwischen Borreliose und Fibromyalgie ist trotz der sehr unterschiedlichen Entstehungsursachen oft ausgesprochen schwierig und sollte immer durch versierte Kenner beider Krankheitsbilder erfolgen. Eine ausschließlich neurologische oder orthopädische oder labormäßige Abklärung ist unzureichend. Immer ist eine multidisziplinäre Untersuchung mit intensiver klinischer (also körperlicher) Abklärung notwendig, um verbindliche Aussagen treffen zu können: man kann die Fibromyalgie oder Borreliose nicht begreifen, wenn man die Erkrankten nicht „begreift“!

© 2013 Dr. med. Thomas Laser
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